Die Entwicklung der Vorderlader

Hier wird die Entwicklung der Vorderlader in Europa und später auch in Amerika, den späteren vereinigten Staaten kurz umrissen und mit einigen Bildbeispielen verdeutlicht. Es hat andere Ansätze und Entwicklungen auch in Asien, namentlich vorangehend in China und teils unabhängit in Japan gegeben, Hier konzentrieren wir und aber auf das europäisch-amerikanische Bild.

Ab 1300: handpuchsen und ähnlich werck des teufels

Anfangs waren Schußwaffen Läufe mit einem einfachen Stiel als Griff, die in der Nähe des geschlossenen Lauf-Endes ein Zündloch hatten, die aber über keine mechanische Zündvorrichtung verfügten. Sie werden in alten Überlieferungen auch als "Handgonne" (erstaunlich ähnlich dem Wort "handgun") bezeichnet. Der mit Schwarzpulver und Blei- oder Steingeschoß geladene Lauf wurde durch das Anbrennen der Ladung mit einem glühenden Draht oder einer Lunte abgefeuert. Dazu mußte man mit einer Hand die Waffe halten und mit der anderen Draht oder Lunte an das Zündloch führen.

Handgonne - Feuerrohr, Europa, um 1400

Von diesen einfachen Büchsen sind recht viele gefunden worden oder erhalten geblieben. Manche verfügten über einen an der Unterseite vorne angebrachten Haken, der auf der Außenseite einer Mauer eingelegt wurde, um den Rückstoß abzufangen. Alte Luntenbüchsen mit einem solchen Haken werden folgerichtig als "Hakenbüchse" bezeichnet. Man kann sich leicht vorstellen, daß das Halten mit der einen Hand und das Zünden mit der anderen soviel Konzentration erforderte, daß dem Zielen nicht mehr viel Aufmerksamkeit zugewendet werden konnte.

Immerhin aber hat man sich schon damals, im ausgehenden Mittelalter, Gedanken über Mehrladesysteme gemacht. Diese beschränkten sich allerdings in der Regel auf das Herstellen von Laufbündeln, also dem Verschweissen mehrer Läufe zu einem Bündel oder dem Anbringen mehrerer Bohrungen in einem Metallkörper. Das führte dann zu schwerfälligen Geräten, die wohl ausschliesslich bei der Verteidigung von Besfestigungsanlagen oder Gebäuden praktisch verwendbar waren.

10-fach Handgonne, Datierung u. Herkunft unbekannt. Man beachte die umlaufenden Zündlöcher, mittig im Bild weisslich erkennbar. 

Die Entwicklung führte in der Folge zu mechanischen Zündvorrichtungen unterschiedlicher Art, die nachfolgend dargestellt werden. Beinahe allen diesen Vorrichtungen ist gemein, daß in unmittelbarer Nähe zum Zündloch eine sogenannte Zündpfanne angebracht ist, auf der eine kleine Menge Pulvers sich befindet. Dies Pulver wird entzündet und führt über das Zündloch zum Losgehen der eigentlichen Ladung, die sich im Lauf befindet.

Ab 1500: Eure Lunte anblaset und haltet sie recht - das Luntenschloß

Die erste jener mechanischen Zündvorrichtungen bestand aus einem Luntenhalter, der über einen Abzugsbügel auf die Zündpfanne gesenkt werden konnte. Der Abzug war der Form nach bei frühen Baumustern noch dem Abzugsbügel der ebenfalls noch gebräuchlichen Armbrust nachgebildet. Wenn die Lunte ordentlich angeblasen war, konnte der Schütze sich immerhin schon ein wenig auf das Ziel konzentrieren. Im folgenden Bild ist an der Schlossplatte, Schaftform und Abzug zu erkennen, dass man eine spätere Gewehrform vor sich hat, die eher in die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg zu datieren ist.

 

Luntenschloss, circa 1650-1680

Die Abbildung zeigt den sich von vorne nach hinten auf die Pfanne neigenden Hahn. Die Zündpfanne ist mit einem Deckel verschlossen, den der Schütze vor dem Schuss nach aussen wegdrehen musste. Der Nachteil des Luntenschlosses, gleich welcher Form, besteht in dem Erfordernis, eine glimmende Lunte mit sich zu führen, um schussbereit zu sein. Immerhin konnte der Benutzer sich - wenn alle Handgriffe getan waren - auf das Zielen konzentrieren. Das ist gegenüber dem reinen Zündloch schon eine bedeutende Verbesserung.

 

Ab 1517: Das Radschloß

Die nächste Entwicklungsstufe ist das Radschloß. Seitlich vom Lauf befindet sich dabei ein Rad, das mit einem Vierkantschlüssel vor dem Schuß aufgezogen wurde. Beim Betätigen des Abzugs wird eine Sperre gelöst und das Rad dreht sich unter Federspannung in die entgegengesetzte Richtung. Hierbei reibt die Kante des Rades an einem Feuerstein (Schwefelkies), wodurch ein Funkenstrahl erzeugt wird. Der Funkenstrahl entzündet über eine Zündpfanne die Pulverladung. Der Nachteil dieser Methode bestand darin, daß zur Herstellung der Feuerbereitschaft der geladenen Waffe erst das Rad aufgezogen werden mußte. Ein weiterer Nachteil war die lange Schußentwicklungszeit, also die Zeit, die zwischen dem Betätigen des Abzugs und dem Zünden der Ladung vergeht.

 


Radschlosspistolen, Österreich, zwischen 1630 und 1640

Immerhin ist der Schütze damit aber schon um der Notwendigkeit enthoben, eine glimmende Lunte zur Schussabgabe zur Hand haben zu müssen.

Ab 1610: Das Steinschloß

Die technische Entwicklung blieb deshalb nicht stehen sondern setzte sich mit der Erfindung des Schnapphahn- und des Batterieschlosses fort. Die Feuerbereitschaft kann mit einem Handgriff durch Zurückziehen des Hahnes in die Feuerrast hergestellt werden. Im Hahn ist schraubstockähnlich ein Stück Feuerstein eingespannt. Der federgetriebene Hahn schlägt beim Betätigen des Abzugs gegen den Deckelfortsatz der Zündpfanne, die Batterie, erzeugt dabei einen Funkenstrahl und öffnet gleichzeitig die Zündpfanne. Der Funke zündet das auf der Pfanne befindliche Zündpulver, welches über eine dort vorhandene, feine Bohrung im Lauf, das Zündloch die Ladung zum Abschuß bringt. Sowohl Schußentwicklungszeit als auch Handhabung waren mit dieser Technik gegenüber dem Radschloß verbessert. Dennoch war das Zündsystem noch sehr wetterabhängig, so daß Wind und Regen oft eine Schußabgabe verhinderten.

 

Steinschlosspistolen, um 1700, vermutlich Brescia, Italien

 

 

Ab 1820: Perkussionszündung

Eine weitere entscheidende Verbesserung trat durch die Erfindung des Zündhütchens im Jahre 1807 ein. Ein britischer Pfarrer mit naturwissenschaftlich-technischem Interesse ärgerte sich auf der Jagd über häufige Zündversager seiner Steinschloss-Büchse. Er grübelte über eine Lösung nach und fand sie schließlich in Kupferplättchen, die mit Knallquecksilber beschichtet waren. Die Form eines Näpfchens oder Hütchens bildete sich etwas später heraus. Das Zündhütchen, ein Näpfchen aus Kupfer oder Messing mit einer sehr kleinen Menge eines Zündmittels versehen, sitzt auf einem kleinen Kolben ("Piston" genannt), der eine Bohrung für den Zündstrahl hat. Durch das Aufschlagen des Hahns explodiert das Zündmittel und ein Zündstrahl mit einem Druck von circa 100 bar dringt durch den Zündkanal des Pistons zur Pulverladung durch und entzündet diese. Nachdem die Zündhütchenzündung anfangs als "chemische Zündung" bezeichnet wurde, nennt man sie heute allgemein "Perkussionszündung" (percussio = Schlag).

Nachdem sich diese Erfindung bis 1830 allmählich durchgesetzt hatte (wobei viele Steinschloßgewehre von Büchsenmachern auf Perkussionszündung umgebaut "adaptiert" oder "aptiert" wurden), war eine kurze Schußentwicklungszeit, weitestgehende Unabhängigkeit von den Witterungsbedingungen und einfache Handhabung erreicht. Zudem war die Quote der Zündversager bei der Perkussionszündung mit etwa 0,5 % nun erheblich niedriger, als bei allen vorher gebräuchlichen Zündsystemen.


Perkussionspistole Mang, Graz, Österreich, circa 1830, Reproduktion Pedersoli
Bild mit frd. Genehmigung durch Fa. AVE Raßmann

 

Ein entscheidender Gesichtspunkt fiel den Zeitgenossen möglicherweis nicht sofort auf: Das Erfordernis einer Zündpfanne, auf der sich eine kleine, bei Schussabgabe frei liegende Menge Pulvers befindet, fällt fort.

Die Perkussionszündung erfordert keine komplexe mechanische Vorrichtung mehr auf der Seite, bei der gezündet wird. Das Batterieschloss (siehe oben) besteht aus dem Hahn einerseits und der Zündpfanne mit Pfannendeckel andererseits. Die Zündpfanne und der Pfannendeckel sind - zusammen mit den zugehörigen Federn - ein mechanisches System, das feinst abgestimmt sein muss: Der Pfannendeckel muß durch Federdruck sauber schliessen und verschlossen gehalten werden, er muss aber dem Schlag des Hahns nachgeben und dabei immer noch so viel Gegendruck halten, dass ein hinreichender Zündfunke entsteht, ohne dabei die Schnelligkeit des Hahns zu sehr zu beeinträchtigen. Ab einem bestimmten Punkt muss die Federkraft in Richtung auf eine Öffnung des Pfannendeckels wirken. All dies fällt nun weg, es verbleibt nur der Hahn. Der muß nur ein Erfordernis erfüllen: So schnell und mit so viel Impuls auf das Zündhotchen schlagen, dass es zündet. Mit dem Fortfall jeglicher Mechanik auf der Zündseite ist der Weg für praktikabel funktionerende Mehrlader geebnet,

Ab 1830: Don't mess with my pepperbox

Die Perkussionszündung brachte die Pepperbox. Die Idee, Mehrlader zu bauen, indem ein Laufbündel anstelle eines Laufes verwendet wurde, ist schon alt. Solche Radschloß- oder Steinschloß-Wender waren aber aufgrund des Zündmechanismus sehr aufwendig. Gleichzeitig waren sie teuer und in der Handhabung umständlich. Dies wurde mit der Perkussionszündung anders, weil nur das vergleichsweise einfache, billige und kleine Zündhütchen und ein Piston für die Zündung benötigt werden. Schon bald nachdem sich die Perkussionszündung allgemein durchgesetzt hatte, gab es die kleine Taschenpistole auch in der Variante eines Bündelrevolvers. Das Laufbündel mußte freilich nach jedem Schuß von Hand gedreht werden. Wegen der Ähnlichkeit zum Pfefferstreuer nannte man sie "Pepperbox".

Pepperbox, England um 1835

Hier sieht man, wie die eigentlich bereits einige hundert Jahre bestehende Idee des Laufbündels wieder aufgegriffen und mit der Perkussionszündung zu einem funktionsfähigen Ganzen verbunden wird. Immer noch muß aber nach der Schussabgabe der Hahn erneut gespannt und das Laufbündel von Hand eine Position weiter gedreht werden, um erneut schussbereit zu werden.

Ab 1837: Dr. Coult's Wundermittel

Angeblich als Schiffsjunge schon soll der damals 14-Jährige Samuel Colt während einer Überfahrt nach England das Holzmodell eines Perkussionsrevolvers geschnitzt haben. Mit seiner Idee - die unabhängig von ihm auch andere hatten - wurde ein Entwicklungssprung gemacht, der darin besteht, daß zum wiederholten Schiessen nurmehr der Hahn gespannt werden muss. Alles übrige, das Entriegeln, Dtehen und Verriegeln der Trommel wird durch mechanische Vorrichtungen im Inneren des Revolvers bewirkt. Damit finden wir uns im Bereich der ersten "echten" Revolver, der Perkussionsrevolver, denen ein eigenes Kapitel zugedacht ist: Der Perkussionsrevolver.

 

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